Freitag, 20. April 2007
Jede Menge Buschmänner (und eine Wahnsinnsfrau)

Zeichner Stephan Probst ehrt den Über(groß)vater Wilhelm Busch.
(© Stephan Probst)


Zwölfe schlug's, als ich am Sonntag, 15.April 2007, die Eröffnungsfeier der Comic-Ausstellung "Wilhelm Buschs Enkel" im Historischen Museum Hannover besuchte. Als Aufhänger diente natürlich der 175. Geburtstag des Zeichners und Dichters, anlässlich dessen auch zwei Ausstellungen im lokalen Wilhelm-Busch-Museum stattfinden.

Eigentlich alles wunderbar: Das Historische Museum liegt zwischen Leine-Ufer und Altstadt in einem der hübscheren Teile meiner alten Heimat Hannover(hüstel), am Sonntag lachte die Sonne, und die Ausstellung selbst taugte auch was. Nur die Eröffnung nicht. [...]

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Montag, 16. April 2007
So geht das
Wie mir erst durch den Nachruf in der FAZ vom Freitag wieder klar wurde, hat der am Mittwoch, 11. April 2007, gestorbene US-Schriftsteller, 68er-Held, Vietnam- und Irakkriegsgegner Kurt Vonnegut auch gezeichnet.

Ich wusste aber weder, dass sein Roman "Breakfast of Champions" mehrere eigene Illustrationen enthält, noch dass Vonnegut auch auf seiner Website kleine Cartoons veröffentlichte.

Auf der Startseite sieht man seit dem Tag nach seinem Tod eine sehr charmante Todesanzeige, die Vonnegut offenbar prophylaktisch selbst gezeichnet hatte.

Als Kulturbanause habe ich nur sein bekanntestes Buch gelesen, die Antikriegssatire "Schlachthof 5", schrecklich und schrecklich komisch. Damals (frühe 90er, Uni-Zeit) habe ich nach der Lektüre monatelang alle mit dem im Roman hartnäckig wiederkehrenden Satz "So geht das" genervt: Vonneguts lakonischem Statement zum Tod.

Bei einer Kurzrecherche stellte ich jetzt fest, dass 1.) Vonnegut ein Kultautor mit ziemlich attraktiven Fans war und 2.) dass er laut Wikipedia bereits "Schlachthof 5" selbst illustriert haben soll.

Hm.

Als ich das Buch daraufhin jetzt noch einmal zur Hand nahm, fand ich darin nur die Zeichnung eines Grabsteins mit einem vergnügten Engelchen. Der Grabstein trägt die Aufschrift:

"Alles war schön, und nichts tat weh."

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Freitag, 6. April 2007
Und wenn sie nicht gestorben sind,
dann legen sie sich um

Bill Willinghams Serie "Fables" (Teil 3 von 3)

"Stage Five: Extraction.
After completion of all objectives, return to the extraction point [...].
The beanstalk should have fully deployed by the time you reach it.
Plant the remaining bombs at its base in places of concealment to avoid detection from any forces that might give chase.
Be sure to activate the radio detonator while in the Empire dimension
to ensure a good signal."

Aus: "Fables [8]: Wolves"

(© 2006 Bill Willingham and DC Comics)



Wolf, Whiskey und Mowgli: Ein Beispiel für den schattenbetonten Zeichenstil des Teams Buckingham/Leialoha.
Aus "Fables [8]: Wolves"

(© 2006 Bill Willingham and DC Comics)


(Fortsetzung von Teil 2)

"Fables" ist nicht "Shrek": Der Autor Bill Willingham parodiert Märchen nicht, er persifliert sie, spinnt sie satirisch fort oder erfindet sie ironisch neu – als "wahre Geschichte" hinter der Kinderbuchfassade. Vor allem aber nutzt er sie für ein intelligentes Spiel mit Mythen und Archetypen im Rahmen moderner Genreerzählungen. Auf die Detektiv-Story von Band 1 folgt in Band 2 eine Geschichte um Verschwörung und Rebellion. Band 3 beginnt mit einem kurzen Thriller um einen meisterhaft geplanten Einbruch und wird dann zum Mix aus Actionthriller und romantischer Komödie. In späteren Bänden folgen Kriegsabenteuer und jede Menge Seifenoper.

Band 2 ("Animal Farm", dt. "Farm der Tiere") beginnt mit Snow Whites alljährlichem Inspektionsbesuch auf der "Farm". Hier leben (siehe Teil 1 dieses Textes) jene Märchenwesen, die keine menschliche Gestalt annehmen können oder wollen. Kaum angekommen, stellt "Miss White" fest, dass zwei der drei kleinen Schweinchen einen Putsch planen, maßgeblich unterstützt von der zunehmend soziopathischen Tiersympathisantin Goldilocks (Goldlöckchen). Wenig später verliert das erste Tierchen den Kopf und Snow White ist auf der Flucht. [...]

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Dienstag, 3. April 2007
Und wenn sie nicht gestorben sind,
dann legen sie sich um

Bill Willinghams Serie "Fables" (Teil 2 von 3)

"Wie nun Rotkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf. [...]
'Guten Tag, Rotkäppchen', sprach er. 'Schönen Dank, Wolf.'
'Wo hinaus so früh, Rotkäppchen?' 'Zur Großmutter.'
'Was trägst du unter der Schürze?'"

Brüder Grimm:
"Kinder- und Hausmärchen:
Rotkäppchen"

Schneewittchen und der große böse Wolf in einer Ballszene
und Balz-Szene aus "Fables [1]: Legends in Exile"

(©2002 Bill Willingham and DC Comics)


(Fortsetzung von Teil 1)

Insgesamt siebenmal hat "Fables" bislang den Eisner Award gewonnen, das Comic-Pendant zum Oscar: 2003 als Beste neue Serie und für die Beste Story innerhalb einer Serie ("Legends in Exile"), 2005 und 2006 für die Beste Story innerhalb einer Serie ("March of the Wooden Soldiers" und "Homelands") und 2004 bis 2006 für den Besten Titel-Künstler (James Jean, dessen Titelbilder oft wie eine Mischung aus der lowbrow art eines Mark Ryden und coolen Plattencovern wirken).

Tatsächlich markieren die Bände 4 und 6 ("March of the Wooden Soldiers" und "Homelands") die bisherigen erzählerischen Höhepunkte der Serie. Dass allerdings bereits der Debütband, "Legends in Exile", ausgezeichnet wurde, zeigt vor allem, wie ausgehungert die Mainstream-Comic-Szene nach Konzepten jenseits der immer noch dominanten Superhelden sind. Denn: Verglichen mit den aufregend cleveren Debütbänden anderer Vertigo-Serien, etwa "Preacher", "100 Bullets" oder "Y – The Last Man", wirkt der erste Handlungsbogen von "Fables" noch flach und unausgegoren. [...]

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Montag, 2. April 2007
Und wenn sie nicht gestorben sind,
dann legen sie sich um

Bill Willinghams Serie "Fables" (Teil 1 von 3)

"Somebody has been lying in my bed!"

Flora Annie Steel:
"English Fairy Tales:
The Story of the Three Bears"

Der rollige Reineke macht Schneewittchen fuchsig.
Aus: "Fables [2]: Animal Farm"

(©2002, 2003 Bill Willingham and DC Comics)


Nach dem ersten Band fand ich "Fables" witzig und hübsch, aber etwas fad. Nach dem zweiten entwickelte ich skeptische Sympathie. Nach dem dritten war ich heftig verliebt. Die Romanze hielt über drei weitere Bände an. Dann wurde, trotz schöner Momente, aus Leidenschaft Routine, und seit dem achten Band stellt sich mitunter Langeweile ein. Ich weiß nicht, wie es weitergeht, aber ich denke, "Fables" und ich, wir werden trotz allem Freunde bleiben.

Die US-Comic-Serie "Fables" handelt von Charakteren aus Märchen und andereren Populärmythen, die im New York des 21. Jahrhunderts leben. Einst von dem ominösen "Feind" (im Original: "the Adversary") aus dem Reich der Fantasie vertrieben, haben sich Schneewittchen, Blaubart, der große böse (Wer-)Wolf und viele andere inzwischen in Fabletown eingerichtet, einem Teil Manhattans, der durch Magie von der Neugier der mundies abgeschirmt ist (der "Fables"-Version von Harry Potters "Muggels", mit anderen Worten: wir). Fabelwesen, die keine menschliche Gestalt annehmen können, müssen vor den Toren New Yorks auf einer Farm leben.

Am 14. März 2007 ist "Animal Farm", der zweite Paperback-Band von "Fables", auf deutsch erschienen, entsprechend der Orwell-Anspielung natürlich als "Farm der Tiere". Der erste Band, "Legenden im Exil" ("Legends in Exile"), erschien bereits im November 2006. Neben positiven Besprechungen, u.a. bei Spiegel online und Splash Comics, stehen auch eher verwunderte Reaktionen auf die amerikanischen Vorschusslorbeeren. Obwohl ich mich ohne Zögern als "Fables"-Fan bezeichnen würde, kann ich diese Zurückhaltung verstehen, denn die Serie offenbart erst im zweiten Band ihren subversiven Charme.

Weil es zu "Fables" allerlei zu sagen gibt, splitte ich mein Porträt des Comics in mehrere Teile. Ich versuche, im Folgenden nicht zu viele Story-Details zu verraten. Wer die Serie ohnehin (weiter)lesen will und nicht einmal ansatzweise wissen möchte, was "als nächstes kommt", sollte aber vielleicht lieber sofort aus diesem Text aussteigen. [...]

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