(Worin das geneigte Publikum erfährt, wie man verfeindete Lager eint, die Wonnen der Beschränkung auskostet und "Lewis Trondheim" korrekt ausspricht)

Die Asiaten kommen – wieder mal:
Die plakative Schönheit schuf " Benjamin" aus China
Mit den Hühnern aufstehen, sich über die Deutsche Bahn ärgern, Muskelkater vom stundenlangen Bücherschleppen bekommen und nachts ganz horribles Zeug träumen: All das habe ich letztes Wochenende getan. Und trotzdem war's ein Riesenspaß, dieses Wochenende auf dem Comic-Salon in Erlangen.
Der dreizehnte Salon war mein erster, denn bislang hatten mich Zeitmangel und/oder Phlegma stets vom Besuch abgehalten. Die Dreizehn war hier sicher keine Unglückszahl. Als Debütant kann ich die 2008er Veranstaltung selbstverständlich nicht mit früheren vergleichen. Allerdings hörte ich allenthalben, die Stimmung sei so gut wie noch nie. Am Stand der besten deutschen Comic-Zeitschrift, "Reddition", hieß es, in den Jahren zuvor hätten Aussteller regelmäßig "den Untergang des Abendlandes verkündet", soll heißen: das Ende aller Comic-Kultur in Deutschland. Diesmal aber herrsche überall eine fast schon zu rosige Aufbruchslaune.
Jawoll, Damundherrn, aufgepasst und hergehört: Das Zauberwort heißt "Graphic Novel"! Die Idee eines Comic-Äquivalents zum Roman sorgt zwar noch nicht für neue Umsatzrekorde, wohl aber für deutlich stärkere Medienpräsenz. In der samstäglichen Diskussion mit den Gewinnern des am Freitag verliehenen Max-und-Moritz-Preises erinnerte sich der Comic-Publizist Andreas C. Knigge, dass es vor 15 Jahren noch ganz anders ausgesehen hatte: Als er 1983 als frisch gebackener Carlsen-Cheflektor bei der FAZ anklingelte, um einen Artikel zum Tode des "Tim und Struppi"-Schöpfers Hergé anzuregen, habe man dort geradezu "hysterisch" reagiert: "Mit Comics wollte man nichts zu tun haben." Heute ist der FAZ-Autor Andreas Platthaus wohl der renommierteste deutsche Comic-Journalist.
Was in derselben Diskussion nicht ausgesprochen wurde: Die Beliebtheit der Bezeichnung "Graphic Novel" erklärt sich meines Erachtens u. a. daraus, dass sie Versöhnung zwischen den verfeindeten Leserlagern stiftet. Bezeichnenderweise wurde dieses Jahr "Vertraute Fremde" von Jiro Taniguchi sowohl mit mit der Max-und-Moritz-Trophäe für den besten Manga als auch zuvor schon mit dem Journalistenpreis "Comic des Jahres" ausgezeichet. Wenn sich die Freunde amerikanischer, europäischer und japanischer Comics auch sonst auf nichts einigen können: in der Graphic Novel, so schwammig dieser Begriff sein mag, finden sie einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Wobei "kleinster Nenner" hier erfreulicher- und ausnahmsweise mal kein Synonym für "fauler Kompromiss" ist.

Anke Feuchtenberger und Nicolas Mahler zeichnen
und signieren am Reprodukt-Stand
Einen amüsanten und intelligenten Kontrapunkt zur Freude an der formalen Freiheit der "Graphic Novel" setzte in dieser Diskussion der Wiener Nicolas Mahler, dessen "Flaschko – der Mann in der Heizdecke" Tags zuvor als bester Strip ausgezeichnet worden war. Von Knigge auf die Beschränkungen des Strips gegenüber dem Comic-Roman angesprochen, erklärte Mahler, dass er just diese Beschränkung als Arbeitserleichterung empfinde: Die immergleiche Drei-Panel-Struktur seiner "Flaschko"-Strips sei das Format, "in dem ich arbeite und kämpfe." Und weiter: "Wenn mich dagegen eine Zeitung anruft und sagt: ‚Wir geben dir eine Seite. Kannst machen, was du willst!', dann ist das für mich eine viel schlimmere Anstrengung."
[Alle Mahler-Zitate sind bitte in feinstem Weanerisch zu lesen.]
Einen weitereren Höhepunkt dieser Diskussion lieferte der französische Zeichner Alfred. Am Vortag hatte er stellvertretend für Olivier Ka dessen Auszeichnung für das beste Szenario zum autobiografischen Kindesmissbrauchs-Comic "Warum ich Pater Pierre getötet habe" entgegengenommen. Auf Andreas C. Knigges Frage, warum denn gerade das Genre der Autobiografie so viele gute Graphic Novels hervorbringe, gab Alfred eine seltsam unpräzise Antwort: Vor fünfzehn Jahren hätten Künstler wie David B. oder Lewis Trondheim halt die in klassischen Genres festgefahrene frankophone Comic-Welt revolutioniert und für jedwedes Thema geöffnet. (Lag's an der Dolmetscherin? Ich bezweifle es, denn ihre Übersetzungen aus dem Französischen schienen durchaus korrekt zu sein.)
Nichtdestotrotz barg diese Antwort speziell für deutsch Comic-Fans mindestens eine faszinierende Information: Frankreichs aktueller Comic-Papst Lewis Trondheim, dessen Namen ich seit jeher naiv "Luis Tronthaim" ausgesprochen hatte, klang in Alfreds prononciation ganz anders: Leewiss Trond[h]äm.
(Das "[h]" steht dabei für ein gehauchtes "H", quasi die französische Ahnung eines "H", chérie.)
Ah, Monsieur Alfred, merci beaucoup! Jetzt weiß ich endlich, wie ich den Meister ansprechen darf, wenn er im Herbst auf eine kurze Signiertour durch Deutschland geht. (Übrigens, anders als angekündigt, nun doch nicht nach Berlin, wie Reprodukt-Chef Dirk Rehm erklärte.)
Andererseits: Tronthaim oder Trond[h]äm? In Wahrheit heißt der Mann doch eh Laurent Chabosy...
Erlangen ruft! Das heißt für mich: morgen um 5 Uhr früh raus aus den Federn, um den Zug zu erwischen.
Ich hoffe, ich laufe auf dem Comic-Salon nicht rum wie die Jungs hier...
Jeff Smith' neue Serie "RASL"

Sci-Fi-Gauner RASL bleibt selten Zeit,
sich auf seine vier Buchstaben zu setzen
(© 2008 Jeff Smith)
Im Herbst 1994 bastelte ich in Hannover an meiner Magisterarbeit. Während der Abgabetermin immer näher rückte, begriff ich beim Schreiben allmählich, dass ich für eine Untersuchung zur Semiotik viel zu wenig Ahnung von Semiotik hatte. Dennoch oder gerade deswegen ließ ich mich immer wieder gern von drei bleichen, knubbelnasigen Comic-Helden ablenken. Ich hatte Jeff Smith' Serie "Bone" entdeckt.
Die ersten beiden US-Bände, die damals vorlagen, boten mit ihrer süffigen Mischung aus epischer Fantasy und aufgekratztem Humor etwas völlig Neues. (Aufmerksam geworden war ich, wie wohl die meisten deutschen Leser, allerdings durch die im selben Jahr gestartete Carlsen-Übersetzung).
Irgendwie bekam ich die Arbeit dann doch noch fertig, und da es darin um Comics ging, konnte ich sogar einige Bildbeispiele aus meiner Lieblingsserie unterbringen. Als ich einige Jahre darauf endlich den dritten Ami-Band in Händen hielt, merkte ich jedoch, dass auch Mr. Smith nur mit Wasser kocht: Er führte die drei "Bone"-Cousins plötzlich auf ziemlich ausgelatschte Fantasy-Pfade. Immerhin blieb er ein guter Erzähler, und ab Band 7 wurde die Story sogar wieder origineller, also zuckelte ich mit. Bis 2004, als Smith nach über 1300 Seiten die letzte "Bone"-Seite zeichnete.
Dann brachte der Meister erst einmal eine kolorierte Version seiner Saga heraus und vergnügte sich mit der Miniserie "Shazam! – The Monster Society of Evil", einer betont naiven Hommage an die klassischen "Captain Marvel"-Comics – beides nicht wirklich spannend. Doch dann, Mitte 2007, präsentierte Smith auf der Comic Con in San Diego sechs Seiten einer neuen längeren Serie: "RASL".
Heft 1 ist im März 2008 erschienen (ich habe es während meiner Neuseelandreise in Wellington gekauft), Nummer 2 soll noch diesen Monat folgen. Und obwohl "RASL" sicher nicht die Offenbarung ist, die "Bone" seinerzeit war, bin ich auf die zweite Ausgabe wesentlich gespannter als auf die erste. Denn vor "RASL No. 1" wusste ich ja nicht, dass Smith tatsächlich etwas Neues wagen würde und das in vielerlei Hinsicht. [...]
(Fortsetzung von Teil 2)
Wer bereits die ersten beiden Abschnitte meiner Reise-Impressionen gelesen hat, fragt sich vielleicht schon seit einer Weile: Alter, du warst in Neusee-hee-land und erzählst überhaupt nichts über die ganzen geilen "Lord of the Rings"-Touren, die du mitgemacht hast?
Nun, dies liegt daran, dass ich keine mitgemacht habe. Hierfür gibt es mehrere Gründe.
Erstens: Mittelerde ist überall, soll heißen: Neuseeland sieht fast überall klasse aus, und nicht nur dort, wo Peter Jackson und Co. gedreht haben – wobei ich natürlich auch durch diverse Regionen gekommen bin, die als Filmkulisse gedient hatten.

Was "Der Herr der Ringe" nicht zeigt:
Saurons geheimes Spaßbad
(Emerald Lakes im Tongariro-Nationalpark)
Zweitens: Bei einer längeren Wanderung im Tongariro-Nationalpark, quasi das Filmdouble für "Mordor", traf ich in der Ketetahi-Hütte einen netten älteren Cineasten aus Wellington, der mir erklärte, Neuseeländer würden in Jacksons Filmen verblüffend wenige Landschaften wiedererkennen. Dies liegt offenkundig an der digitalen Nachbearbeitung und den ungewöhnlichen Blickwinkeln, die der Regisseur wählte (an manche Kamerastandpunkte gelangt man nur per Heli).
Drittens warben alle Touranbieter (von denen es übrigens überraschend wenige gibt) auf ihren Flyern mit den berüchtigten "photo ops", also Möglichkeiten, sich vor dufter Naturkulisse in Frodo- oder Legolas-Montur mit Plastikschwert fotografieren zu lassen. Okay, viel Spaß – aber ich möchte dabei nicht mal zugucken. [...]
(Fortsetzung von Teil 1)
So, nun isses aber gut!
Nachdem ich jetzt 14 Tage lang Fotos gesichtet und herumgegrübelt habe, wie ich meine Neuseelandreise hier am besten rekapituliere, teile ich die Chose jetzt mal hübsch ordentlich auf: In diesem Blog werde ich nur meine Impressionen als Comic-Nerd referieren und mit entsprechenden Fotos illustrieren. Alles sonstigen Reiseeindrücke aus Mittelerde aber gibt’s demnächst chronologisch kommentiert chez "Flickr". Mehr dazu in Kürze.
Natürlich bin ich nicht der Comics wegen nach Neuseeland gereist, sondern um mir ein bisschen die Beine zu vertreten. Gleichwohl hätte ich im Heimatland von Dylan Horrocks deutlich mehr Comic- Begeisterung erwartet; Horrocks' Meta-Comic "Hicksville" gilt als Klassiker der Graphic Novel. Von Horrocks' Oeuvre habe ich in Neuseeland freilich nichts zu Gesicht bekommen. Auch sonst scheinen Comics dort im öffentlichen Leben eine noch weit geringere Rolle zu spielen als bei uns. Ich zumindest habe nur wenige Comics und ebenso wenige Comic-Referenzen erspäht. Andererseits: ich war zwar sieben Wochen dort, aber auch halt nur sieben Wochen.
Eine kurze Internetsuche fördert zwar nicht viele, aber doch diverse neuseeländische Comic-Läden zutage. Bei meinen Streifzügen ohne vorhergehende Recherche bin ich leider nur auf einen richtigen Comic-Shop gestoßen, immerhin einen guten:

Neuseeländischer Comic-Tempel
mit belgischem Phallussymbol:
das "Graphic"
Das "Graphic" in Wellington (106 Cuba Mall) bietet eine üppige Mischung aus englischsprachigem Indie- und Mainstream-Stoff, aber auch einige übersetzte Euro-Klassiker wie "Tim und Struppi". [...]
