Donnerstag, 15. November 2007
Neues aus dem Busch
Zur Anthologie "Wilhelm Busch und die Folgen


Der junge Felix vergnügt sich mit seiner "frommen Helene".
Aus "Wilhelm Busch und die Folgen" (Beitrag von Flix)

(© 2007 Egmont Verlagsgesellschaften mbH/JNK Media)


Hommage-Comics sind für gewöhnlich ein durchwachsenes Vergnügen: Im schlimmsten Fall "ehren" talentfreie "Künstler" einen Meister mit platten Parodien oder dümmlicher Anbiederung.

Im besten Fall hinterfragen clevere Zeichner und Texter, wie dieser Meister von Medien und Marketing dargestellt wird und suchen einen persönlichen Zugang.

Die schönste und ehrlichste Hommage, die ich kenne, findet sich im Parodie-Band "Baston" (Alpha Comic): Um eine Ehrbezeigung für Altmeister André Franquin gebeten, lässt Jean-Marc Reiser seine eigene Lieblingsfigur Gros Dégueulasse (dt. "Der Schweinepriester") mit Fluppe, Säufernase und versiffter Unterhose durchs Bild torkeln. "Gaston oder so", lallt der Trinker, "also echt, Leute... Hab ich kein Bock drauf. Mach lieber mein' eigenen Kram." Besser kann man die Einzigartigkeit von Franquins anarchischem Verlagsboten "Gaston" wohl kaum würdigen.

Martin Jurgeits im September 2007 veröffentlichte Hommage- Anthologie "Wilhelm Busch und die Folgen" (Egmont/Ehapa) erscheint mir gerade deshalb so gelungen, weil darin letztlich alle Künstler ihren "eigenen Kram" machen. Dabei sind nur die wenigsten Beiträge des Bandes wirklich brillant. Andererseits ist auch kein langweiliger darunter. Und vor allem: Keiner ist wie der andere.

Außerdem kann ich mich an keine Anthologie erinnern, die je zuvor so viele wichtige Namen der deutschen Comic-Szene unter einem Titel versammelt hätte. Natürlich kommt Jurgeit der erfreuliche Umstand zu Hilfe, dass es erstmals eine sowohl quantitativ als auch qualitativ nennenswerte deutsche Comic-Szene überhaupt gibt. Im Buch tummeln sich mehrere Generationen: vom Ex-Underground- Zeichner Volker Reiche (* 1944) bis zur Mangaka Anike Hage (*1985).

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Mittwoch, 7. November 2007
Comics vom Verfassungsschutz?


Multimedia-Offensive der Mudschaheddin:
Kann Schüler Murat widerstehen?
Aus: "Andi 2"

(© CODEX/Innenministerium Nordrhein-Westfalen)


Unter dem Titel "Sprechblasen für Schläfer" schimpfte Wolf Schmidt in der gestrigen "taz" (5. 11. 2007, Seite 14) über einen vom nordrhein-westfälischen Innenministerium herausgegebenen Comic – eine Kritik, die der "taz" immerhin einen Hinweis auf der Titelseite wert war. Schwer angefixt, entdeckte ich das ominöse Bildwerk, Google sei dank, wenig später als PDF-Datei im Netz.

Tja, worum geht’s? Im zweiten Heft der Reihe "Andi" gerät der muslimische Schüler Murat an Islamisten, die ihn mit Mudschaheddin-CDs (siehe Abbildung) zum Gotteskrieger umerziehen wollen. Derweil verzehrt sich der blonde Andi, Titelfigur und Murats bester Freund, nach Murats schöner manga-äugiger und kopftuchtragender Schwester Ayshe. Derentwegen kommt es letztlich zu Handgreiflichkeiten (ahhh, les femmes!). Auf die folgt dann freilich ein Happy-End mit Gemütlichkeit und Speiseeis.

Nun, sicher ist das von Peter Schaaff im Graffiti-Stil gezeichnete "Andi"-Heftchen kein Meisterwerk der politischen Sachliteratur, geschweige denn der "neunten Kunst". Manches ist zu simpel dargestellt, die Auflösung bietet Sozialkitsch pur. Und dann dieses salbungsvolle Sprechblasenvorwort des als Comic-Figur auftretenden FDP-Innenministers Ingo Wolf – nun ja.

Einen "platten Comic" mit "anbiedernden Ratschlägen" kann ich darin, anders als Wolf Schmidt, dann allerdings auch wieder nicht erkennen. Die Figuren haben durchaus Persönlichkeit und Witz, die Dialoge meiden pseudo-jugendliche Manierismen. Digga, ich schwör'!

Gut, als muslimischer Teenager wäre ich bei der Lektüre vermutlich zunächst einmal nur genervt. Die Identifikationsfigur Murat verhält sich schließlich nach Meinung der Autoren offenkundig falsch – wer lässt sich schon gern belehren?

Andererseits: Als Reaktion auf etwaige Ängste und Vorurteile nicht-muslimischer Jugendlicher ist der Comic durchaus gelungen. Der Unterschied zwischen Muslimen und Islamisten wird in der Geschichte immer wieder betont und erläutert, der Unterschied zwischen Islamisten und gewaltbereiten Islamisten (einer Minderheit innerhalb der Minderheit) im Textanhang erklärt.

Man möge mich meinethalben für einen Simpel halten, aber weshalb "Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen" das NRW-Heftchen laut "taz" als "sehr schwarz-weiß-malerisch" verurteilt, verstehe ich nicht so ganz.

Zumindest als pädagogisches Kuriosum ist das Ding durchaus lesenswert. Auch das erste Heft der Reihe ist auf der "Andi"-Website noch zu finden: Darin legen sich Andi & Co. mit dem Neonazi "Eisenheinrich" an. Und der Sprechblasenminister ist auch wieder dabei.

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Donnerstag, 1. November 2007
Wer watscht die Wächter ab?
"The Boys [Bd. 1]: Spielverderber" von Garth Ennis


Superheld A-Train hat sich verlaufen.
Na, warte, wenn dich die Jungs erwischen!
Aus: "The Boys [Bd. 1]: Spielverderber"

(© 2006 Spitfire Productions, Ltd. and Darick Robertson;
dt. Ausg.: © 2007 Panini Verlags-GmbH)


"Quis custodiet ipsos custodes?", fragte der römische Satiriker Juvenal vor etwa 2000 Jahren, was so viel wie "Wer überwacht die Wächter?" bedeutet, aber auch unter deutschen Comic-Freunden eher in der englischen Variante bekannt ist: "Who watches the watchmen?"

In Alan Moores '86er Comic-Klassiker "Watchmen" (über eine Parallelwelt, in der Superhelden wirklich existieren) taucht diese Frage immer wieder als Graffito auf Hausmauern auf. Moore geht es letztlich um das Problem der Kontrolle absoluter Macht, und er impliziert dieselbe Antwort, die bereits 400 Jahre vor dem alten Römer Juvenal der alte Grieche Platon in seiner Staatslehre gab:
Nur allmächtige Wächter könnten allmächtige Wächter in ihre Schranken weisen.

Aber ach, wie schwierig und paradox das klingt! Da lob ich mir doch die im Herbst 2006 gestartete neue Serie von "Preacher"-Autor Garth Ennis und "Transmetropolitan"-Zeichner Darick Robertson. Who watches the watchmen? Die mit Bierfahne und kerligem Gelächter gebrüllte Antwort lautet dort ganz einfach: "The Boys"!

Angeführt von dem bulligen Briten Billy Butcher überwacht das Quintett im Auftrag der CIA die vermeintlich allmächtigen Superhelden und stutzt sie bei Bedarf nur allzu gern auf handliches Format zurecht. Was gar nicht so schwer ist. Denn erstens haben die meisten Superhelden dieses Paralleluniversums außer Prügeleien mit Superschurken nur Werbeverträge, Drogen und harten Sex im Kopf.

Und zweitens verfügen die "Boys", deren brutalstes Mitglied ausgerechnet "das Weibchen" ist, selbst über Superkräfte.

Womit wir wieder bei Platons und Moores Paradoxon wären: Wächter überwachen Wächter. Dieses vertrackte Problem scheint Ennis bislang nicht aufgefallen zu sein. Darüber könnte man sich glatt ärgern, würde man sich bei "The Boys" nicht so großartig amüsieren.

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Samstag, 27. Oktober 2007
Moebius' Bande
Zur Doku "Moebius Redux" (Arte, 27.10. um 23:25 Uhr)
So, liebe "Sexy Sport Clips"-Gucker, ihr verkneift Euch jetzt bitte Witze über den deutsch-französischen Kulturkanal. Ich für mein Teil sehe meine TV-Gebühren bei Arte nämlich ausnahmsweise mal gut angelegt und möchte hier deshalb auf den letzten Drücker noch einen ganz wichtigen Fernsehtipp loswerden:

Heute um 23.25 Uhr zeigt Arte die coole Doku "Moebius Redux – Ein Leben in Bildern", die ich mir anderweitig bereits zu Gemüte führen durfte.

Noch einmal hergehört, "Sexy Sport Clips"-Gucker, ich erkläre das kurz: Monsieur Moebius, der eigentlich Jean Giraud (* 1938) heißt, hat mit Science-Fiction-Stories wie "Arzach", "Le Garage hermétique" und "John Difool" das Comic-Medium sowie das Filmdesign revolutioniert, aber netterweise mit "Blueberry" auch noch die beste Western-Comic-Serie aller Zeiten gezeichnet.

Der Doku-Regisseur Hasko Baumann schubst in "Moebius Redux" außer dem gut gelaunten Meister lui-même jede Menge Prominenz vor die Kamera: unter anderem Weggefährten wie Philippe Druillet und Enki Bilal, den Schweizer Gruselwuseldesigner H. R. Giger (der mit Moebius an "Alien" arbeitete), den unvermeidlichen Marvel-Papst Stan Lee oder die jüngeren US-Zeichner und Moebius-Fans Mike Mignola ("Hellboy") und Jim Lee ("Batman: Hush"). Überrascht war ich von einem erstaunlich lässigen Auftritt des "John Difool"-Autors Alejandro Jodorowsky, der in Interviews sonst schon gern mal das größenwahnsinnige Künstlergenie gibt.

Für Comics- und Popkultur-Freunde ist die Doku also ein absolutes Schmankerl, zwei kleine Kritikpunkte hätte ich dennoch:

Erstens erfährt man zwar allerlei über Moebius' Leben (einschließlich seiner Zeit in einer New-Age-Sekte), über seine Ideen und die Rezeption seines Oeuvres, über den Akt des Zeichnens aber hört man relativ wenig. Das ist schade, zumal Moebius' Fähigkeit, spontan und ohne Referenzmaterial Comic-Panoramen zu zeichnen, selbst unter Profis als geradezu übernatürlich gilt.

Zweitens fehlen mir die distanzierten Urteile von Kunsttheoretikern, Popjournalisten und Comic-Historikern. Natürlich ist es toll, dass hier so viele Comic-Künstler selbst zu Wort kommen, Interviews mit externen Experten hätten das gute Porträt jedoch abgerundet.

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Mittwoch, 17. Oktober 2007
Deutscher Sondermannweg
Am letzten Samstag (13.10.2007) wurde auf der Frankfurter Buchmesse bekanntlich der Comic-Preis "Sondermann" vergeben.

Wozu ich mir Folgendes nicht verkneifen kann: Um einen "Sondermann" abzuräumen, muss man wohl entweder populär oder lustig sein – wie in der Schule, wenn man nicht ständig verkloppt werden will.

Abgesehen von zwei reinen Jury-Auszeichnungen werden beim "Sondermann" ja fünf Publikumspreise vergeben. Dabei darf die Comic-Gemeinde unter je drei Top-Sellern in fünf Kategorien wählen. Durch dieses Abstimmungsverfahren kommt es zu interessanten Verwerfungen im Raum-Zeit-Gefüge: Die Auszeichnung von Reinhard Kleists Biografie "Cash – I See a Darkness" in der Kategorie "Comic – Eigenpublikation (national)" ist ja durchaus auf der Höhe der Zeit, aber: "Calvin & Hobbes" als bester "Comic – International"?!

Das soll ein Scherz sein, oder? Kurt Felix, tritt hervor!

Hey, bitte kein faules Obst mailen: Ich habe hier selbst die US-Gesamtausgabe von "C & H" stehen. Trotzdem: Bill Watterson hat 1995 den letzten "Calvin"-Strip gezeichnet – hängen wir wirklich so weit hinter der internationalen Entwicklung hinterher? Wohlgemerkt: Ich kritisiere hier nicht Fans, die für diesen Klassiker gestimmt haben, sondern nur das Nominierungsverfahren.

Auch die Jury-Auszeichnung des Titanic-Zeichnerduos "Rattelschneck" (= Marcus Weimer und Olav Westphalen) mit dem "Bernd Pfarr Sonderpreis für komische Kunst" kam zwar verdient, aber auch etwas spät.

Überraschend weit vorne finde ich allerdings, dass die Jury Dirk Schwieger als besten Newcomer ehrte: Sein Buch "Moresukine" erscheint just dieser Tage bei Reprodukt. Online begann Schwieger dieses gezeichnete Tokyo-Tagebuch aber schon im Januar 2006 und beendete es im Juli 2006. Seine intelligenten Beobachtungen und coolen Layout-Experimente kann man (auf Englisch) allerdings nach wie vor im Netz finden.

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