Mittwoch, 14. November 2007
Neues aus dem Busch
Zur Anthologie "Wilhelm Busch und die Folgen


Der junge Felix vergnügt sich mit seiner "frommen Helene".
Aus "Wilhelm Busch und die Folgen" (Beitrag von Flix)

(© 2007 Egmont Verlagsgesellschaften mbH/JNK Media)


Hommage-Comics sind für gewöhnlich ein durchwachsenes Vergnügen: Im schlimmsten Fall "ehren" talentfreie "Künstler" einen Meister mit platten Parodien oder dümmlicher Anbiederung.

Im besten Fall hinterfragen clevere Zeichner und Texter, wie dieser Meister von Medien und Marketing dargestellt wird und suchen einen persönlichen Zugang.

Die schönste und ehrlichste Hommage, die ich kenne, findet sich im Parodie-Band "Baston" (Alpha Comic): Um eine Ehrbezeigung für Altmeister André Franquin gebeten, lässt Jean-Marc Reiser seine eigene Lieblingsfigur Gros Dégueulasse (dt. "Der Schweinepriester") mit Fluppe, Säufernase und versiffter Unterhose durchs Bild torkeln. "Gaston oder so", lallt der Trinker, "also echt, Leute... Hab ich kein Bock drauf. Mach lieber mein' eigenen Kram." Besser kann man die Einzigartigkeit von Franquins anarchischem Verlagsboten "Gaston" wohl kaum würdigen.

Martin Jurgeits im September 2007 veröffentlichte Hommage- Anthologie "Wilhelm Busch und die Folgen" (Egmont/Ehapa) erscheint mir gerade deshalb so gelungen, weil darin letztlich alle Künstler ihren "eigenen Kram" machen. Dabei sind nur die wenigsten Beiträge des Bandes wirklich brillant. Andererseits ist auch kein langweiliger darunter. Und vor allem: Keiner ist wie der andere.

Außerdem kann ich mich an keine Anthologie erinnern, die je zuvor so viele wichtige Namen der deutschen Comic-Szene unter einem Titel versammelt hätte. Natürlich kommt Jurgeit der erfreuliche Umstand zu Hilfe, dass es erstmals eine sowohl quantitativ als auch qualitativ nennenswerte deutsche Comic-Szene überhaupt gibt. Im Buch tummeln sich mehrere Generationen: vom Ex-Underground- Zeichner Volker Reiche (* 1944) bis zur Mangaka Anike Hage (*1985).

"Wilhelm Busch und die Folgen" erscheint als Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im "Wilhelm-Busch-Museum Hannover", die ebenfalls von Jurgeit betreut wird. Ausstellung und Buch kommen etwa auf halber Strecke zwischen Buschs 175. Geburtstag (14. April 2007) und seinem 100. Todestag (9. Januar 2008).

Sechs Comic-Solisten und drei Duos adaptieren eine oder mehrere von Buschs Geschichten. Zwar sagt Jurgeit im Vorwort, er habe gegenüber den Künstlern auf "konkrete Angaben" verzichtet. Allerdings hat man offenkundig besprochen, wer welches Werk adaptiert. Statt eines zu befürchtenden "Max und Moritz"-Marathons gibt es nun bunte Vielfalt, denn viele Beiträge basieren auf eher unbekannten Bilderbogen-Kurzgeschichten.

Jurgeit, selbst Chefredakteur der 2003 (zum zweiten Mal) reanimierten – und leider schon wieder kränkelnden – Zeitschrift "Comixene", konnte für die Einleitung Andreas C. Knigge gewinnen, der 1974 ebendieses Kultfachblatt gegründet und bis zur Einstellung 1981 herausgegeben hatte.

Auch wenn man versucht sein mag, lieber schnell zu den bunten Comics weiterzublättern: Knigges faktenreicher, aber keineswegs spröder Text lohnt die Lektüre. Natürlich erzählt auch Knigge die bekannte Geschichte vom Zeitungszaren Hearst, der den deutschstämmigen Karikaturisten Rudolph Dirks 1897 beauftragte, sich "something like Max and Moritz" auszudenken. Heraus kamen dabei die "Katzenjammer Kids", die sich seither mit Outcaults "Yellow Kid" um den Ehrentitel des ersten "richtigen" Comics streiten.

Doch Knigge liefert viele weitere interessante Details aus Buschs Biografie und der Tradition der europäischen Bildergechichte und zeigt Busch als einen von mehreren Vätern des Comics (wobei ein hypothetisches Kunstgericht letztlich wohl dem Schweizer Rodolphe Töpffer das Sorgerecht zugestehen würden). Zugleich deutet er an, dass Busch sich dem modernen Comic wesentlich weiter angenähert hätte, wäre er durch die Produktionsumstände nicht daran gehindert worden: Jegliche Layout-Experimente waren tabu, weil Buschs "Entdecker" und Verleger Kaspar Braun dem Künstler prinzipiell nie vorab mitteilte, ob er dessen Panels in den Bilderbögen und "Fliegenden Blättern" neben- oder untereinander abdrucken würde.

Ebenfalls lesenswert sind die kurzen Texte von Herausgeber Jurgeit, die jedem Comic-Beitrag vorangestellt sind und den jeweiligen Küsntler sowie das als Inspiration dienende Busch-Original vorstellen.

Womit wir denn auch endlich bei den Comics selbst wären.

Den Anfang macht Ralf König ("Der bewegte Mann", "Kondom des Grauens"), der gleich vier kurze Beiträge beisteuerte. Obwohl Jurgeit zu Recht eine Linie zwischen Buschs anti-bigotter und spießbürgerfeindlicher Haltung und den satirischen Schwulencomics von Ralf König zieht, hat mich Königs Euphorie schlicht verblüfft: Unter allen Künstlern des Bandes erweist er sich als der mit Abstand beste Busch-Kenner und größte Fan. Drei der vier Geschichten sind erotische "Max und Moritz"-Parodien, allesamt obszön, sehr komisch und vor allem fabelhaft im Busch-Stil gereimt:

"So sah man sie mit ihren blanken
Ärschen auf die Straße wanken.
Und Witwe Bolte sagte: 'Wehe,
Wenn ich dies Gesockse sehe!'"
Wegen dieser Nähe zum Meister hat man König wohl auch an den Anfang der Sammlung gestellt. Vielleicht aber auch, weil er mit "Im Vorhinein" nach Jurgeit und Knigge die dritte und beste Vorbemerkung des Bandes vefasst hat. Darin bringt er u. a. die nach wie vor gültige deutsche Haltung zum Comic ebenso witzig wie traurig auf den Punkt:
"Comics? Die liest der Franzos'!
Der Deutsche rümpft die Nase bloß.
Man weiß wohl noch von Asterix
und Micky Maus – sonst kennt man nix."
Auf den königlichen Einstieg folgt ein Comic, den ich unter "auf hohem Niveau gescheitert" verbuche: Elke Reinhart und Gerhard Schlegel, die gemeinsam unter dem Agentur-Signum "Laska" zeichnen, versuchen, Buschs Bilderzählung "Plisch und Plum" (über zwei schwer erziehbare Hündchen und ihre ebensolchen Herrchen) in einen "echten" Comic zu verwandeln.

Das Ergebnis ist sehr hübsch anzuschauen, mehr allerdings nicht. Buschs Verse wurden als Offkommentare und Sprechblasen ins Bild integriert. Dabei wird deutlich, dass Versrhythmus und Bildgeschehen bei Busch so gut aufeinander abgestimmt sind, dass die Geschichte aus dem Takt gerät, wenn man einen der beiden Bestandteile verändert. Außerdem wirken Reime im Comic – jedenfalls für mich – immer als Brechung. Eine Metaebene, auf die durch diese Distanzierung verwiesen würde, sehe ich hier jedoch nicht. Das Ende vom Lied: Anders als bei Busch finden bei Laska Bild und Sprache nie so recht zusammen.

Wer Buschs Original kennt, dürfte sich zudem fragen, wo denn "Schmulchen Schievelbeiner" abgeblieben ist? Der jüdische Nachbar, dem Plisch und Plum das Beinkleid zerfetzen und der daraufhin die Eltern der jugendlichen Hundehalter zur Kasse bitte, hat Busch posthum den Vorwurf des Antisemitismus eingetragen (ob berechtigt oder unberechtigt, an dieser Frage verzweifelte selbst der Poet und Busch-Kenner Robert Gernhardt (1937–2006), wie er 2003 auf "Literaturkritik.de" gestand).

Sorry, liebe Laskas, aber wenn einem Buschs gefährliches Spiel mit der Ironie ( "Das ist Schmulchen Schievelbeiner / (Schöner ist doch unsereiner!)" ) zu weit geht, dann adaptiert man besser eine andere Story, 's gibt ja genug. Aufregender wäre allerdings das genaue Gegenteil gewesen: "Plisch und Plum", erzählt aus der Sicht von Herrn Schievelbeiner. Ich meine das ernst.

Nun, man kann sich weit schlechter schlagen als die Laskas, wie schon der nächste Beitrag beweist. Ulf S.Graupner ("Mosaik", "Ritter Runkel") versucht, "Die Entführung aus dem Serail" aufzupeppen und gibt die Mozart-inspirierte "Muselmanen"-Posse als ungewöhnliche Sequenz schmaler Hochkantbilder wider. Haben Graupners Zeichnungen noch Witz, so greift er bei seinen "modernisierten" Texten arg daneben: "Der Sultan Mahmud hat heut' Bock/ Und will der Sklavin untern Rock." So geht das sechs Seiten lang. Stammtisch, ick hör' dir grölen!

Bizarr, bizarr: der gemalte Comic "Willis Welt" von "Strizz"-Vater Volker Reiche. Wer so doof ist wie ich und ironisch-altkluge Dialoge wie in Reiches angesagtem "FAZ"-Strip "Strizz" erwartet, kratzt sich nach wenigen Panels am Kopf: Viel mehr als "Ha ha ha", "Weg!" oder "Wa-?!" steht nicht in den Sprechblasen.
Entschuldigung, aber: wa-?!

Immerhin funktionieren die Bilder: Reiche steigert die Brutalität der Busch-Vorlage, um zu einer neuen postmodernen Pointe zu gelangen.

Auf diese mäßige Vorstellung folgt der Höhepunkt: "Asu" und "Reami", zwei unter dem Signum "DuO" arbeitende deutsche Manga-Macherinnen ukrainisch-polnischer Herkunft, haben sich ernsthafter als alle anderen Künstler des Bandes mit Buschs Vorlage auseinander gesetzt und waren dabei auch noch wesentlich kreativer.

Bei DuO geht es laut Martin Jurgeits einleitendem Porträt um "Spaß, Spannung, hübsche Mädchen, Mode und Bishonen" [= coole Jungs]. So auch in ihrer Adaption von Buschs Fabel "Die beiden Enten und der Frosch", in der sie Buschs Tier-Moritat auf menschliche Disco-Kids übertragen.

Ich gebe zu: Bei den ersten zwei, drei Seiten fühlte ich mich, als wäre ich ins lebendig gewordene Traumtagebuch einer "Tokyo Hotel"-Verehrerin gefallen. In der Mischtechnik von Duo stehen Buschs Reime neben Bildern im Teengirl- und manchmal auch im Kinder-Mangastil, Fotos wurden eingefügt und über allem liegt der Disco-Bass: "Utz! Utz Utz!".

Gewöhnungsbedürftig, aber das Highlight des Bandes!

Auch nicht übel: "Meine fromme Helene" von Flix. Obwohl ich den Strich des angesagten Herrn Flix ("Held", "Mädchen") mehr keimfrei als komisch finde und obwohl ich sein gezeichnetes alter ego "Felix" für einen arroganten Pinsel halte, respektiere ich den Berliner doch als exzellenten Handwerker. Sieht man einmal über die reichlich spießige Pointe hinweg, so ist seine Busch-Hommage ausgesprochen vergnüglich und visuell delikat. Dabei weckt der Beitrag sogar die Hoffnung, dass der talentierte Mr. Flix sich künstlerisch endlich mal wieder weiterentwickelt. Die simple Geschichte (Klein-Felix liest Buschs Bigotterie-Satire "Die fromme Helene") wird erst dadurch amüsant, dass Flix zwischen zwei Stilen pendelt: Während Felix' Lektüreerlebnis im Haus der Großmama in Flix' gewohnt sauberem und klarem Stil gezeichnet ist, gibt der Künstler Buschs durch Kinderaugen gesehene "Helene" in angeschmuddelten Strichmännchenzeichnungen mit herrlich albernen Zeichentrick-Gags wider (siehe Abbildung oben).

Enttäuscht hat mich Martin Tom Dieck, bekannt für gedankenschwere, kunstvoll suggestive Arbeiten wie "Der unschuldige Passagier" oder "Salut, Deleuze!" In seinem Busch-Beitrag "Kunstbericht" fällt ihm allerdings nicht allzu viel ein: Dieck setzt ein Kapitel aus Buschs autobiografisch gefärbtem "Maler Klecksel" als Sequenz skizzenhafter Szenen und Porträts um. Die Idee, die Leiden von Buschs Maler in kubistisch bis futuristisch anmutenden Entwürfen auszudrücken, klingt wesentlich aufregender, als sie letztlich im Buch wirkt.

Schon besser, wenn auch magenverkrampfend kindisch betitelt: "Der kleine Herr Paul findet das Glück" von Ulf K. und Martin Baltscheit. Wer die poetisch verrätselten Tierfiguren-Comics des norwegischen Zeichners Jason ("Hey, warte mal...", "Psssst!") hasst, wird auch den optisch recht ähnlichen Busch-Beitrag von K. und Baltscheit nicht mögen. Nun, ich mag Jasons Stories (dt. bei Schwarzer Turm) und schätze auch die sehr freie Adaption von Buschs herrlicher Anarcho-Moritat "Hans Huckebein, der Unglücksrabe", welche die beiden hier vorlegen. Tatsächlich ist die seltsame Mischung aus "Huckebein", "Signor Rossi" und "Being John Malkovich" der einzige anrührende Beitrag des Bandes – und auch der einzige stumme: Sprechblasen und Kommentare fehlen komplett.

Den Rausschmeißer in diesem insgesamt gelungenen Hommage-Katalog macht Anike Hage. Die junge deutsche Manga-Autorin erzählt Buschs Bohemien-Krawall "Die feindlichen Nachbarn" als federleicht gezeichneten Knatsch im Treppenhaus und entschärft dabei Buschs rabiate Komik durch charmant-femininen Pazifismus. Nicht gerade tiefgründig, aber entwaffnend nett.



"Wilhelm Busch und die Folgen
Herausgeber: Martin Jurgeit;
Text und Grafik: Ralf König u.a;
Egmont/Ehapa 2007; 144 Seiten, 15,- Euro.