Samstag, 7. Februar 2009
Best of 2008
Platz 2: "Insel Bourbon 1730"
Text: Appollo, Lewis Trondheim (Dt. v. Kai Wilksen);
Grafik: Lewis Trondheim;
Verlag: Reprodukt

[Zu Platz 3]

(© 2007 Appollo – Trondheim
Dt. Ausgabe: © 2008 Reprodukt)


Die Kunst des Comics besteht bekanntlich größtenteils im Weglassen. "Insel Bourbon 1730" von Appollo und Trondheim ist ein wahres Kunstwerk des Weglassen – aber nicht nur, weil es sich um einen Comic handelt.

Weniger ist wieder mal mehr, allerdings wirkt dieses Wenige bei flüchtiger Betrachtung opulent: Auf pralle 276 Seiten (ohne den lesenswerten Anmerkungsteil) bringt es diese Geschichte, die vor dem historischen Hintergrund der realen Ergreifung und Hinrichtung des französischen Piraten Oliver Levasseur alias "La Buse" auf der ehemaligen Kolonialinsel Bourbon (heute: La Réunion) spielt. Und anders als in "Donjon" oder "Herrn Hases haarsträubende Abenteuer" zeichnet Trondheim Natur und Gebäude realistisch genug, um sie historisch-geographisch zu verorten.

Wie gewohnt lässt er aber stilisierte anthropomorphe Tierfiguren agieren, deren Minenspiel kaum jenes altgriechischer Theatermasken überbietet. Farben jenseits von Schwarz und Weiß fehlen natürlich. Als wolle er noch eins draufzusetzen, gewährt Trondheim auch den afrikanischen Charakteren keinerlei Schattierung und belässt in einigen Panels sogar den Nachthimmel weiß, in dem dann asterisk-ähnliche schwarze Sternchen funkeln. Wie passend, schließlich besteht "Insel Bourbon 1730" aus fiktionalen Fußnoten zu realer Historie.

Held des von Trondheim und dem auf Réunion geborenen, historisch versierten Co-Autor Appollo verfassten Szenarios ist der schwarzbeschopfte Enterich Raphael Pommery. Eigentlich soll er dem Chevalier Despentes von der "Akademie der Wissenschaften" in Paris bei der Suche nach dem – zu Recht – ausgestorben geglaubten Vogel Dodo (auch bekannt als Dronte) helfen. Doch weil er sich bereits auf der Anreise unrettbar im Seemannsgarn verfängt, will er sich, kaum auf der Insel angekommen, lieber den lokalen Piraten anschließen. Daraus wird nichts.

Und damit wäre die Geschichte von "Insel Bourbon 1730" auch schon erzählt. Mehr oder weniger. Wichtiger als das, was passiert, ist jedoch, was in "Insel Bourbon 1730" nicht passiert.

Das Grundkonzept ist zunächst einmal ein genialer ironischer Gag: Eine anthropomorphe Ente sucht nach einer ausgestorbenen Vogelart, kurz vor der Hinrichtung des Seeräubers La Buse, der seinerseits einen Vogelnamen trägt (La Buse = der Bussard) und als letzter großer Pirat des indischen Ozeans selbst einer aussterbenden Art angehört.

Abenteuer als Meta-Abenteuer – das erinnert natürlich an Hugo Pratt. In dessen poetisch-spröden Geschichten um Corto Maltese, "Kapitän ohne Schiff", halten sich Reflektion und Aktion aber letztlich meist die Waage, stößt der Held nach allerlei Diskussionen und Fährnissen auf des Rätsels Lösung.

"Insel Bourbon 1730" allerdings ist ein Abenteuer-Comic ohne Abenteuer: Alle Figuren suchen fortwährend danach, müssen sich aber mit Erinnerungen, Träumen und Geschichten trösten. Es ist ein Piraten-Comic ohne Piraten: die ehemaligen Korsaren sind jetzt entweder biedere Siedler (dank einer Amnestie), traurige Säufer oder im besten Fall Anführer entflohener Sklaven.

Ein echter Seeräuber immerhin ist noch da, der realhistorische La Buse, doch der sitzt im Gefängnis und wird kein einziges Mal gezeigt. Seine berühmte letzte Tat zitieren Appollo und Trondheim erst im Epilog: Auf dem Schafott warf der Pirat angeblich einen Zettel mit einer chiffrierten Nachricht in die Menge und schrie: "Mon trésor à qui saura comprendre!" – "Meinen Schatz jenem, der's versteht!"

Bis heute wurde sein Schatz nicht gehoben. Vielleicht, das deutet Protagonist Raphael im Comic an, gibt es ihn gar nicht. Vielleicht ist er eine Leerstelle, so wie La Buse selbst es bei Appollo und Trondheim bleibt. Um dieses schwarz-weiße Loch kreist die Geschichte.

Statt Geschichte zu machen, machen die Charaktere von "Insel Bourbon 1730" nur Geschichten – in jeder erdenklichen Hinsicht. Am Ende begreift Raphael das. Statt fasziniert alten Seebären zu lauschen, versteht er es nun, selbst prachtvolle Korsaren-Anekdoten aufzutischen.

[Zu Platz 1]


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