Meine Comic-Favoriten 2009 – Platz 7
Aufzeichnungen aus Birma
Text und Grafik: Guy Delisle
Verlag: Reprodukt

© 2007 Guy Delcourt Productions – Delisle
© 2009 Reprodukt
Das Fest des Wassers. Die Straße der Tinte. Die Stadt der Fixer.
Nein, man kann wirklich nicht behaupten, dass Guy Delisle in seinen "Aufzeichnungen aus Birma" nur das erzählt, was man schon aus den Nachrichten kennt. Nachdem das globalisierte Trickfilmbusiness den Kanadier nach China und Nordkorea verschlagen hatte, folgte er 2005 seiner für "Ärzte ohne Grenzen" arbeitenden Frau samt dem kleinen Sohn nach Rangun (zwei Jahre vor dem "Aufstand der Mönche" und dessen Niederschlagung). Seine dritte Comic-Reportage aus einer fernöstlichen Diktatur liest sich süffiger als die Vorgänger. Statt großer Bögen bevorzugt er nun knackige Episoden, der raue Strich und die lockeren Layouts sind einem sauberen, aufgeräumten Look gewichen. Kein Zufall: Delisle will so den sauberen, aufgeräumten Look dieser brutalen Diktatur wiedergeben. Er mache keine Dokus, sagt der Künstler: "Ich schildere die Länder so, wie ich sie gesehen habe". Als junger Vater ist sein Blick milder geworden. Über die höfliche Gängelung "ausländischer Gäste" reflektiert er nur am Rande. Verglichen mit dem schwermütigen "Shenzhen" und dem aggressiven "Pjöngjang" ist dies nur "Delisle light" – aber just deshalb der ideale Band für Delisle-Einsteiger.
Meine Comic-Favoriten 2009 – Platz 8
Prosopopus
Text und Grafik: Nicolas de Crécy
Verlag: Reprodukt

© Dupuis 2009, by de Crécy
© 2009 Reprodukt
"The Angriest Dog in the World", der Comic von David Lynch, wirkt auf den ersten Blick nicht unbedingt wie ein Comic von David Lynch. "Prosopopus" dagegen wirkt exakt wie ein Comic von David Lynch, ist aber von dem französischen Zeichner und Trickfilmer Nicolas de Crécy. In einem fiebrig hingestrichelten New York wird auf offener Straße ein mächtiger Mann erschossen. Der Täter kann fliehen. Wenig später aber sucht ihn eine seltsame Gestalt heim: ein obszön fleischiger Riesenteddy mit Windel und Clownsgesicht. Während dieser "Prosopopus" als Lover, Schutzengel und Richter agiert, erfahren wir die Vorgeschichte – ohne dass im gesamten Band eine einzige Sprechblase aufpoppt. Wer de Crécys wortlosen Comic nicht verstörend genug findet, dem beschert spätestens Laetitia Bianchis beigefügter Text zur "Historie" des Prosopopus eine Gänsehaut.
Meine Comic-Favoriten 2009 – Platz 9
Hector Umbra
Text und Grafik: Uli Oesterle
Verlag: Carlsen

© 2009 Carlsen Verlag GmbH
"La Bohème" auf LSD: In Uli Oesterles Graphic Novel um einen unfreiwilligen Detektiv und eine Verschwörung unsichtbarer Großkopferter wird gebechert, geraucht, getanzt und geliebt, Kunst an der Staffelei und am DJ-Pult fabriziert, vor allem aber ein München erkundet, dass mehr mit Twin Peaks und Orpheus' Unterwelt gemein hat als mit Hofbräuhaus und Wiesn. Trotz vieler Verweise auf reale Wahrzeichen und Szene-Hotspots umschifft der wunderbar dunkelbunt kolorierte Mysterykrimi die Klippen des Regionalhumors. Stattdessen erschafft Oesterle die Isarstadt neu, ohne Lineal und auch sonst ziemlich schräg. Das erste Kapitel erschien 2003 als Album bei Edition 52, das komplette Werk sechs Jahre später bei Carlsen. Die Zeitspanne macht deutlich, wie es um die Möglichkeiten der Comic-Produktion in Deutschland bestellt ist. Um so erfreulicher aber, dass "Hector Umbra" auch zeigt, was in deutschen Comics möglich ist.
Meine Comic-Favoriten 2009 – Platz 10
Helden ohne Skrupel 9: Östlich von Roswell
Text: Yann
Grafik: Conrad
Verlag: Finix Comics

© Dargaud Benelux (Dargaud-Lombard S.A.) 2002 Yann/Conrad/Constant
© Finix Comics
Nicht der einzige Versuch einer Semi-Funny-Serie für Erwachsene, aber der mit Abstand aggressivste, klügste und schönste: Das Ich (der raubeinig-romantische Kapitän Mac), das Es (der zugleich triebhafte und kindlich-unschuldige Gnom Tim) und das Über-Ich (der ewig nörgelnde Wandschrankschwule Tony) irren durch die Welt und suchen Liebe. Dabei treffen sie auf Sado-Maoisten, Filmstars und – jetzt – Außerirdische. Carlsen brach das garstige Epos 2002 mittendrin ab, nun geht das Abenteuer beim speziell für solche Interruptus-Serien gegründeten Vereinsverlag Finix weiter: Mac hält in New Mexico Ausschau nach seinem mit der chinesischen Killerin Alix gezeugten Töchterchen Jade. Am Schluss ist Mac happy, Tony defloriert und die kleine Jade mehr oder weniger Schuld an der Entstehung von Scientology. Großartiges Zeug. Zum Glück kommen noch zwei Bände.
...kann ich jetzt natürlich nicht mehr rufen. Dafür aber vielleicht:
"Frohes letztes Jahr?"
In den letzten Wochen habe ich intensiv darüber nachgedacht, ob ich dieses Blog weiter betreiben soll und wenn ja, wie?
Als ich 2007 mit dem "Comic-Neurotiker" begann, hatte ich erstens mehr Zeit und floh zweitens vor meinem damaligen privaten Frust nur zu gern in die Arbeit an diesem Blog. "Hey, ich tue etwas für das Medium, das ich seit dem Kindergarten liebe", sagte ich mir damals. Nun, 'ne Menge andere Leute tun 'ne Menge mehr dafür und sie tun es besser.
Doch auch als Leser hatte ich mich im vergangenen halben Jahr fast komplett von den Comics verabschiedet. Lieber schaute ich nächtelang gute US-Serien wie "The Wire" (übrigens eine der Lieblingsserien von Alan Moore) oder "Mad Men" auf DVD. Und, Leute, glaubt es mir: Wenn es eine Sucht gibt, die geistig gesünder macht, dann die nach intelligenten TV-Serien. (Falls sich jemand fragt: Ja, auch Popcorn kann man intelligent zubereiten. Soll heißen: Fünf Staffeln "Lost" am Stück machen mächtig Laune!)
Und dann begann ich zum Jahresende, endlich doch die Comics zu lesen, die ich Monate zuvor gekauft und einfach ins Regal gestellt hatte – was ich jetzt in vielen Fällen bereute.
Allein schon die frischen Franzosen Blutch und Bravo sind einfach zu gut, als dass ich meine Klappe halten könnte. Und es gab ja 2009 noch so viel andere vortreffliche Comics. Darum werde ich ab morgen nun ein Jahr lang wieder über Comics schreiben, die mich fasziniert, unterhalten oder geärgert haben. Habe ich nach diesem Jahr keine Lust mehr, ist Schluss.
