Wozu ich mir Folgendes nicht verkneifen kann: Um einen "Sondermann" abzuräumen, muss man wohl entweder populär oder lustig sein – wie in der Schule, wenn man nicht ständig verkloppt werden will.
Abgesehen von zwei reinen Jury-Auszeichnungen werden beim "Sondermann" ja fünf Publikumspreise vergeben. Dabei darf die Comic-Gemeinde unter je drei Top-Sellern in fünf Kategorien wählen. Durch dieses Abstimmungsverfahren kommt es zu interessanten Verwerfungen im Raum-Zeit-Gefüge: Die Auszeichnung von Reinhard Kleists Biografie "Cash – I See a Darkness" in der Kategorie "Comic – Eigenpublikation (national)" ist ja durchaus auf der Höhe der Zeit, aber: "Calvin & Hobbes" als bester "Comic – International"?!
Das soll ein Scherz sein, oder? Kurt Felix, tritt hervor!
Hey, bitte kein faules Obst mailen: Ich habe hier selbst die US-Gesamtausgabe von "C & H" stehen. Trotzdem: Bill Watterson hat 1995 den letzten "Calvin"-Strip gezeichnet – hängen wir wirklich so weit hinter der internationalen Entwicklung hinterher? Wohlgemerkt: Ich kritisiere hier nicht Fans, die für diesen Klassiker gestimmt haben, sondern nur das Nominierungsverfahren.
Auch die Jury-Auszeichnung des Titanic-Zeichnerduos "Rattelschneck" (= Marcus Weimer und Olav Westphalen) mit dem "Bernd Pfarr Sonderpreis für komische Kunst" kam zwar verdient, aber auch etwas spät.
Überraschend weit vorne finde ich allerdings, dass die Jury Dirk Schwieger als besten Newcomer ehrte: Sein Buch "Moresukine" erscheint just dieser Tage bei Reprodukt. Online begann Schwieger dieses gezeichnete Tokyo-Tagebuch aber schon im Januar 2006 und beendete es im Juli 2006. Seine intelligenten Beobachtungen und coolen Layout-Experimente kann man (auf Englisch) allerdings nach wie vor im Netz finden.
"Ex Machina [Bd. 2]: Zeichen" von Brian K. Vaughan

Superbürgermeister Hundred spricht Klartext –
mit Menschen wie Maschinen.
Aus: "Ex Machina [Bd. 2]: Zeichen"
(© 2005 Brian K. Vaughan and Tony Harris;
dt. Ausg.: © 2007 Panini Verlag-GmbH)
Es mag vermessen sein, von der Politik zu verlangen, sie möge doch nicht nur nützlich, sondern auch unterhaltsam sein. Aber ich erwarte ja gar keine rhetorisch brillanten Debatten, nur ein bisschen Aufregung abseits der üblichen Stellungskriege. Dabei kann ich mich als Wahl-Hamburger noch nicht einmal beklagen, irgendwo scheppert es hier immer: Bauwagenplatz-Bambule, eine unterstellte Affäre des Bürgermeisters mit seinem damaligen Justizsenator oder – just heute – eine Volksabstimmung über Volksabstimmungen.
Auch der clevere US-Comic-Autor Brian K. Vaughan hat's eher mit der Kommunalpolitik. Seine Polit-Comic-Serie "Ex Machina" spielt deshalb nicht in Washington, sondern in New York City.
Ich liebe "Ex Machina", weil Vaughan wunderbar süffig über komplizierte politische Zusammenhänge schreiben kann. Und ich liebe "Ex Machina", weil Vaughans schlaue Szenarien von dem Team um Tony Harris in brillante Bilder umgesetzt werden, obwohl die Stories und Dialoge selbst im Strichmännchenformat fesseln würden.
Seit Dave Sims Klassiker "Cerebus: High Society" (1981-83) ist "Ex Machina" vielleicht die beste Politsatire, die das Comic-Medium hervorgebracht hat. In den USA sind seit 2004 bereits fünf Sammelbände erschienen, der sechste ("Power Down") folgt im November, bei uns hat Panini im Juli den zweiten ("Zeichen") veröffentlicht.
"The Red Star [Bd. 2]: Nokgorka" von Christian Gossett

Kinderkriegerin Makita kämpft mit der Symbolik.
Aus: "The Red Star 2: Nokgorka"
(© 2000–2007 by Christian Gossett;
dt. Ausg.: © 2007 Cross Cult/Amigo Grafik)
Ein wunderhübsches Hochglanzprodukt mit Babes in Uniform und jeder Menge martialischem Remmidemmi – nach viel mehr sieht die 2000 in den USA gestartete Serie "The Red Star" auf den ersten Blick nicht aus. Unter der gelackten Fassade verbirgt sich allerdings einer der seltsamsten Comics überhaupt.
Man muss sich das einmal vorstellen: Da denkt sich Mitte der 90er ein junger New Yorker namens Christian Gossett ein Kriegsepos aus, das in einer Fantasy-Version der späten Sowjetunion spielt. Einerseits ist Hexerei dort so alltäglich wie Wodka und Piroggen. Anderseits hat man die Magie in ein militärisches Korsett gezwängt. Wenn die schöne "Genossin Zauberin" Maya Antares also mit einem Spruch eine Schar Gegner ins Erdinnere schleudern will, dann klingt das so: "Zone: erste Schrittweite. Tiefe: eins drei zero. Protokoll: Sturz."
In den Quellenangaben zu "The Red Star" (auch etwas, das man nicht in jedem Comic findet) nennt Gossett u. a. Gogols Klassiker "Die toten Seelen" von 1842. Der Leibeigenschaftssatire aus dem zaristischen Russland hat Gossett womöglich ein wichtiges Motiv seines zwischen Sciencefiction und Fantasy angesiedelten Epos' entnommen, denn auch in "The Red Star" geht es – so viel darf man wohl verraten – letztlich um Geschäfte mit toten Seelen.
Die Protagonisten von "The Red Star" sind in erster Linie attraktive Frauen, anders als im Fantasy-Genre üblich zeigt der Zeichner sie allerdings niemals leicht bekleidet in sexy Posen, sondern meist mit sorgenschwerem Blick in dicker Winterkleidung. Das erstaunt um so mehr, als Gossett und seine Computer-Kumpel sich im "Making of"-Material der Comic-Bände als große Jungs präsentieren.
Als grafische Inspiration nutzte Gossett, Schöpfer, Zeichner und Hauptautor der Serie, denn auch keine Superhelden-Comics, sondern kommunistische Propagandaplakate und Kolossalskulpturen. (Statuen wie "Arbeiter und Kolchosbäuerin" oder "Mutter Heimat ruft" wirken heute, als seien sie Gossetts Paralleluniversum entsprungen).
Gossetts grafisches Konzept ist mindestens so exzentrisch wie sein Szenario: Einerseits gilt "The Red Star" als eines der eindrucksvollsten Beispiel für den Einsatz computergenerierter Grafik im Comic. Gossett dirigiert mehrere 3-D-Grafikteams und Solo-Virtuosen, die seine Bleistift-Entwürfe in Raumschiffmodelle und Landschaften umsetzen oder zur Berechnung der passenden Ausleuchtung einer Szene benutzen.
Alle Macht den Geräten? Weit gefehlt: Gossets Pionierarbeit ist eine Ode an die gekonnte Bleistiftzeichnung. Er verbirgt die Graphitstrukturen seiner delikat konstruierten Figuren nicht wie im Comic üblich unter eleganter schwarzer Tusche. Im Gegenteil: Er stellt sie stolz vor die am Computer gerenderten Hintergründe und vergrößert sie mitunter, bis die Bleistiftstriche wie Kohlezeichnungen wirken.
Der Reiz von "The Red Star" liegt in solchen Widersprüchen, Absurditäten, Ambivalenzen – und sogar in seinen Schwächen.
Im August ist bei Cross Cult mit "Nokgorka" der zweite deutsche Sammelband erschienen. Sehr erfreulich: Die deutsche Ausgabe enthält (als Prolog) auch das Sonderheft "Run, Makita, Run!", das im US-Pendant von 2002 unverschämterweise nicht enthalten war. Es gehört zu den Höhepunkten der Serie und gibt der Figur der Kinderpartisanin Makita wesentlich mehr Tiefe. Der erste Band, "Die Schlacht vor Kar Dathras Tor", wirkte mit seinen ganz- bis doppelseitigen Panels oft eher wie ein Posterbook denn wie ein Comic, ein rechter Lesefluss mochte sich nicht einstellen. Das ist zum Glück vorbei: Gossett legt nun mehr Wert auf Montage und Timing. Außerdem zeichnet er die Mimik der Charaktere wesentlich nuancierter.
Kein Ahnung, welche didaktische Qualifikation die Leute haben, aber ihre Idee ist klasse: Auf "52 Comic Challenges", einem Ableger der Indie-Verlags-Website "Young American Comics", gibt es ein Jahr lang jede Woche eine neue Aufgabe für Comic-Zeichner und -Autoren. Etwa "Zeichne einen Einseiter mit 20 oder mehr Panels" oder "Setze einen Song als Comic um". Die Aufgaben sollen mit den kreativen Möglichkeiten des Mediums vertraut machen. Bereits die Erläuterungen machen Spaß: Aufgabe 5, "Zeichne eine Anleitung als Comic", verweist als Beispiel etwa auf das skurrile japanische "Safety Manual" der Wii-Konsole.
Die Aktion läuft schon fünf Wochen, ich bin leider erst gestern im superben Art-Blog "Drawn!" darauf gestoßen. Allerdings kann man bei "52 Comic Challenges" eh ganz nach Laune ein- und wiederausteigen, denn Noten oder Gewinne gibt's nicht.
Im Labyrinth der Fantasy-Serie "Donjon"
(Teil 2 von 2)

Killerin Alexandra sucht Trost bei Professor Cormor.
Aus: "Donjon -84: Nach dem Regen"
(© 2006 by Guy Delcourt Productions;
dt. Ausg.: © 2007 Reprodukt)
Wenn Joann Sfar und Lewis Trondheim viermal gefragt werden, wie ihre "Donjon"-Geschichten entstehen, geben sie vier unterschiedliche Antworten. Doch, so viel scheint sicher, offenbar ist es meistens Sfar, der die Grundidee eines neuen Albums liefert. In langen Telefongesprächen spinnen beide Autoren dann das Szenario aus. Beim eigentlichen Schreiben folgen sie keiner festen Arbeitsteilung: Mal liefert Sfar mehrseitige Zusammenfassungen, die Trondheim nur im Detail verändert, mal arbeiten sie sich abwechselnd Seite für Seite durch das Album, so dass auf eine reine Sfar-Seite eine Seite purer Trondheim folgen kann. Der französische "Donjon"-Verleger Guy Delcourt, verrät Sfar in einem "BD Paradiso"-Interview, "foppt uns manchmal ein bisschen, indem er sagt, Lewis wäre Fred Astaire und ich Ginger Rogers." Grundsätzlich skizziert Trondheim nach dem Erstellen des Szenarios Seitenlayout und Bildaufbau – selbst dann, wenn nicht er oder Sfar, sondern einer ihrer zahlreichen Gastkünstler das Album zeichnet.
"Donjon", meint Trondheim, sei inzwischen "ein Monster geworden, ein sympathisches Monster, aber eines, dass niemals einer allein hätte erschaffen können." Als er und Sfar neben der Urserie "Donjon" (alias "Donjon Zenit") Serien über Vorgeschichte ("Donjon Morgengrauen") und Untergang ("Donjon Abenddämmerung") ihrer Fantasy-Festung starteten, deuteten sie durch die eigenwillige Nummerierung der Alben an, dass die gesamte Geschichte 300 Alben umfassen würde (dazu später mehr). Auf Nachfragen, ob sie dass denn ernst meinten, "sagten wir zunächst immer nein", erzählt Trondheim auf "BD Paradiso", "aber inzwischen denken wir: warum nicht?" In erster Linie ginge es den Autoren jedoch einfach darum, Spaß zu haben.
"Donjon" liegt kein bis ins letzte Detail durchdachtes Konzept zu Grunde. Sfar und Trondheim kreierten die Serie Ende der 90er-Jahre aus Lust und Laune. Oder besser: aus Frust und Laune. Denn bevor es "Donjon" gab, gab es "Troll" [...].
