Sonntag, 1. März 2009
Eine bessere Welt
Zu Zack Snyders Film "Watchmen – Die Wächter"

"Stood in firelight,
swelterig bloodstain on chest
like map of violent new continent.“

Alan Moore/Dave Gibbons:
"Watchmen"

"I was closing in on this dope dealer
and I needed to take a leak.
By the time I'd got in and out of my costume,
he'd vanished.“

Alan Moore/Dave Gibbons:
"Watchmen"

Superheld Rorschach (Jackie Earle Haley) leuchtet
schlechten Comic-Verfilmern heim.



"Weil er da ist."

George Mallorys berühmte Reaktion auf die Frage, warum er denn unbedingt den Mount Everest erklimmen wolle, eignet sich auch als Antwort auf die Frage, warum Zack Snyders "Watchmen"-Film denn so großartig sei.

Nach all den verworfenen Konzepten, gescheiterten Finanzierungen und gefeuerten Regisseuren, nach all den furchtbaren bis halbgaren anderen Alan-Moore-Adaptionen, nach all dem Prozesstheater zwischen dem "Watchmen"-Verleih Warner Bros. und dem Alt-Rechteinhaber Fox: Wer sich auch nur ein bisschen für Comic oder Kino interessiert, dürfte zumindest ansatzweise mit all diesem Elend vertraut sein.

Und dann sitzt man im Kino und kneift sich, denn "Watchmen" ist ein absolut surreales Erlebnis.

Nicht, weil der Film von einer Welt erzählt, in der Superhelden mehr oder weniger alltäglich sind. Nicht, weil er in den aus heutiger Sicht ohnehin surrealen 80ern spielt, inklusive eines drohenden Atomkriegs zwischen USA und UdSSR. Nicht, weil hier dreizehn Jahre nach Watergate immer noch Richard Nixon das Weiße Haus besetzt hält, nachdem er dank Superhelden-Power in Vietnam gesiegt und einfach mal die Verfassung geändert hat. Und auch nicht, weil Nixon im Film mit einem Zinken wie Pinocchio herumläuft.

Nein, sondern weil eine adäquate filmische Adaption des Jahrhundert-Comics von Alan Moore und Dave Gibbons so lange ökonomisch und künstlerisch unmöglich schien. Und weil Zack Synders Film deshalb wirkt, als sei er aus einer anderen Dimension gefallen: einer Welt in der Comics zum Bildungs-Kanon gehören und in der niemand die Stirn runzelt, wenn sie sich mit kompliziertesten philosophischen Fragen befassen.

"Watchmen" ist die erste ernstzunehmende Alan-Moore-Verfilmung und zugleich der erste Film, der Alan Moore ernst nimmt. A priori erklärt Snyder hier jeden Kritiker zum Idioten, der behauptet, der Film erhebe sich über seine Vorlage. Zugegeben: Das hat Robert Rodriguez mit "Sin City" auch getan, allerdings ist "Watchmen" sehr viel mehr als ein style-besoffenes Sex-und-Gewalt-Märchen (not that there's anything wrong with that). Im Kern geht es hier um eine erstmals im antiken Griechenland gestellte Frage: Wenn allmächtige Wächter über das Recht wachen, wer überwacht dann die allmächtigen Wächter? Obwohl Snyders Film sechzehn Jahre vor 9/11 spielt, lässt er sich leicht als Kommentar zum "War on Terror" lesen.

Nun ist Mr. Snyders Adaption keinesweg perfekt. Zwei große Probleme trüben die Freude an dieser insgesamt gelungenen Umsetzung. Da ist zum einen die – pardon – Gewaltgeilheit. Snyder erlangte 2004 ersten Ruhm als Regisseur des gelungenen "Dawn of the Dead"-Remakes (ich kann mich gut daran erinnern, wie ich den Film in einem Londoner Kino sah und nach der pre title sequence mein Herz schlagen spürte ). Anschließend schuf Snyder mit der Verfilmung von Frank Millers ästhetisch durchaus bemerkenswertem Comic "300" einen Megahit – der aber leider aus Millers spartanisch-lakonischer Vorlage ein opulentes Schlachtfest machte, mit bescheuerten Monstern und einer noch bescheuerteren Sandalenfilm-Nebenhandlung.

Bei "Watchmen" verhindert Alan Moores umfangreiches und komplexes Szenario, aber auch die Oscar-würdige Finesse der Drehbuchautoren David Hayter ("X-Men 1 + 2") und Alex Tse solchen Unfug: Hier galt es zu kürzen, nicht auszuschmücken. Dennoch hatte Snyder offenbar immer noch seine blutrünstigen Spartaner im Hinterkopf. Zwar geht es in Ordnung, dass er die Superhelden mit übermenschlicher Wut und Wucht kämpfen lässt, statt sie wie Moore fast nur verbal streiten zu lassen. Auch dass er die Brutalität des Comic-Gefängnisaufstands auf Splatterfilm-Niveau hochschraubt, ist legitim: Diese Szenen funktionieren tatsächlich besser als in der Vorlage. Problematisch wird es aber, wenn sich die Kamera an einer coolen Keilerei mit Straßenräubern ebenso delektiert wie an der Ermordung des Comedian und der Vergewaltigung von Silk Spectre I. – oder soll genau diese stilistische Gleichsetzung nachdenklich stimmen? Sie tut es in jedem Fall.

Das zweite große Problem ist zugleich die größte Qualität dieser Comic-Verfilmung: Die Macher nähern sich der Vorlage, wie sich Gläubige einem religiösen Urtext nähern. Beim Drehbuch funktioniert das fabelhaft: Hayter und Tse entfernen Nebenhandlungen mit viel Feingefühl und hinterlassen kein taubes Gewebe. Und natürlich zeugt es von Chuzpe, dass Snyder gegenüber den Bedenkenträgern des Studios darauf bestand, immer wieder den blauen Schniedel des Übermenschen Dr. Manhattan zu zeigen, dass die Helden Rorschach und Comedian noch psychotischer und gefährlicher wirken als im Comic (auch wenn Rorschachs latenter Frauenhass eliminiert wurde) und dass der Regisseur von vornherein auf eine kommerziell mutige Ab-18-Freigabe hinarbeitete.

Oft allerdings laden die durchgestylten, sinnschweren Bilder zum Verweilen ein, statt sich in den Fluss des Films zu fügen. Und: Beim Ensemble scheint Snyder zu viel Überzeugungsarbeit geleistet zu haben, denn seine Darsteller tragen streckenweise schwer, allzu schwer unter der literaturhistorischen Last der Vorlage. Speziell Malin Ackerman als Silk Spectre II., Patrick Wilson als Nite Owl II. und die von mir ansonsten sehr geschätzte "Spy Kids"-Mama Carla Gugino als Silk Spectre I. schauspielern mitunter arg.

Hier fällt "Watchmen" tatsächlich hinter die willkommene milde Selbstironie von "Iron Man" oder "Spider-Man" zurück und erst recht hinter den klugen Sarkasmus von Moores Szenario. Dass die Darsteller nicht stärker mit ihren Rollen verschmelzen, ist um so bedauerlicher, als Snyder bewusst nur TV- und Kino-Akteure aus der zweiten Reihe besetzt hat, damit keine bekannten Gesichter von der Geschichte ablenken.

Unabhängig von der Bekanntheit ihres Namens oder Gesichts schlagen sich einige Darsteller aber durchaus gut: Billy Crudup ("Almost Famous") als entrückter CGI-Nackedei Dr. Manhattan, Jackie Earle Haley ("Little Children") als rotsehender Schwarz-Weiß-Maskenmann Rorschach, Matthew Goode ("Matchpoint") als femininer, hyperintelligenter Ozymandias (eine Art Superhelden-Oscar-Wilde – im Film, nicht im Comic) und vor allem Serienstar Jeffrey Dean Morgan ("Grey's Anatomy", "Weeds") als charismatisches Schwein Comedian.

Am besten funktioniert "Watchmen" dort, wo Snyder das Filmische der Vorlage in pures Kino umsetzt. Zentrales Bild des Films ist die Tintenklecks-Maske des Selbstjustiz-Freaks Rorschach: die scharf voneinander abgegrenzten Schwarz-und-Weiß-Flächen, die sich aber ständig wandeln und verschieben. Moore und Gibbons' geniales Sinnbild für moralische Ambivalenz hat geradezu auf sein Kinodebüt gewartet, nun endlich darf es sich und uns bewegen.

Kinetische Kraft entlockt Snyder auch Moores Motiv des Uhrwerks: Du magst die Welt zerstören und neu zusammensetzen, letztlich läuft höchstwahrscheinlich doch wieder alles in alten Bahnen.

Die größte Freiheit nimmt sich der Film bei den legendären Meta-Aspekten der Vorlage heraus: Die fingierten Auszüge aus dem "klassischen" Piraten-Comic "Tales of the Black Freighter" fehlen komplett. Eine verständliche Entscheidung, denn diese Ebene hätte Snyders ohnehin forderndes Zweieinhalb-Stunden-Epos jeglicher Chancen an der Kinokasse beraubt.

Auch das in Nerd-Kreisen ja längst heiß diskutierte veränderte Finale ergibt Sinn. Das Original-Ende war visuell deutlich wuchtiger und verstörender, allerdings auch stark in den Meta-Pulp-Kontext von Moores Szenario eingebunden – und hätte deshalb im Kino bestenfalls halb so gut schockiert, schlimmstenfalls für Erheiterung gesorgt. (Auf DVD sollen die "Black Freighter"-Szenen wieder in die Handlung integriert werden – eine Idee, die vielleicht besser klingt, als sie ist.)

Statt dessen erschafft der Film nun seine eigene, weit weniger ausgefeilte, aber sehr unterhaltsame Meta-Ebene. Etwa durch eine hinreißende Parodie auf das legendäre Victory-Day-Kuss-Foto oder eine bösartige Randnotiz zum Kennedy-Attentat. Mit subversivem Biss führen Snyder & Co. hier die Manipulierbarkeit von "Historie" vor. Zugleich spielt der Film dabei ironisch auf Alan Moores ethische Frage an, ob es eine "gute" Manipulation geben kann.

"Watchmen"-Autor Moore erklärte ja bereits vor Monaten, dass ihn Zack Snyders Adaption einen feuchten Kehricht interessiere. Dabei könnte Moore eigentlich zufrieden sein. Nicht unbedingt mit dem Film, aber mit dem, was er selbst 1986 angestoßen hat und was sich nun im Kino manifestiert. Hey, wenn Hollywood-Geldsäcke und Ex-Werbefilmer lernen können, dass manche Comics ganz große Kunst sind, dann kann es doch eigentlich jeder kapieren, oder?

Hoffen wir, dass das Ding nicht floppt.